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Arbeitsgruppe Neue kirchliche Bewegungen | 17.05.2008

Séminaire d'étude pour réfléchir sur la sollicitude pastorale envers les mouvements ecclésiaux et les communautés nouvelles



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Arbeitsgruppe Neue kirchliche Bewegungen | 09.05.2002

Pfarreien und Bewegungen: Vom Nebeneinander zum Miteinander

Über die Gemeinschaft von S. Egidio hat der Mailänder Kardinal Carlo Martini einmal gesagt, als er als theologischer Lehrer in Rom mit ihr in Kontakt kam: «Hier wird das Gebet ernst genommen, hier wird die Bibel ernst genommen, hier werden die Armen ernst genommen.» Die vorwiegend aus jungen Menschen bestehende neue geistliche Gemeinschaft beeindruckte den Würdenträger durch ihre Einsätze in den sozialen Brennpunkten der Stadt Rom und durch ihr schlichtes abendliches Gebetstreffen in ihrer Kirche in Trastevere.

Über die Gemeinschaft von S. Egidio hat der Mailänder Kardinal Carlo Martini einmal gesagt, als er als theologischer Lehrer in Rom mit ihr in Kontakt kam: «Hier wird das Gebet ernst genommen, hier wird die Bibel ernst genommen, hier werden die Armen ernst genommen.» <1> Die vorwiegend aus jungen Menschen bestehende neue geistliche Gemeinschaft beeindruckte den Würdenträger durch ihre Einsätze in den sozialen Brennpunkten der Stadt Rom und durch ihr schlichtes abendliches Gebetstreffen in ihrer Kirche in Trastevere.

Die Fragestellung

Wenn heute Pfarreimitglieder solche Äusserungen aus berufenem Mund hören, fragen sie sich gelegentlich, ob das alles von den Pfarreien nicht mehr gilt, was da von einer Bewegung ausgesagt wird. In einer offenen Wortmeldung drückte vor kurzem ein Pfarrer in der Schweizerischen Kirchenzeitung diesbezüglich seine Sorge aus: Seit Jahren ist aus dem Mund der Kirchenleitung zu vernehmen, die Hoffnung für die Zukunft der Kirche liege bei den neuen geistlichen Bewegungen. Er möchte deshalb wissen, was die Kirchenleitung von der Pfarrei eigentlich für die Zukunft der Kirche noch erwartet. <2> Haben die Pfarreien im 21. Jahrhundert eine Zukunft oder geht ihr Erbe an die neuen geistlichen Bewegungen über? Ist damit die Pfarrei zum Auslaufmodell gestempelt?
 Ich glaube nicht. Ich bin der Überzeugung, dass die Pfarreien nach wie vor der erstrangige Ort zur Vermittlung der Heilszusage Gottes an die Menschen in einem bestimmten geographischen Raum sind und bleiben. Allerdings zeichnet sich ab, dass den meisten Pfarreien hierzulande ein grosser Wandel bevorsteht. In den vielfältigen Mitgliedschaftsformen und den pastoralen Methoden der Bewegungen zeichnen sich Elemente ihrer künftigen Gestalt ab. Daher bin ich überzeugt: die geistlichen Bewegungen sind angesichts der Herausforderung, welche die moderne Kultur für den christlichen Glauben bedeutet, ein ernst zu nehmendes «Zeichen der Zeit» auch und gerade zur Erneuerung der Pfarreien.
 Um dies zu veranschaulichen, werde ich zunächst mit Hilfe der Religionssoziologie einige Gedanken zum strukturellen Wandel der Pfarrei anstellen (I.). Dann sollen die geistlichen Bewegungen als heilsames Korrektiv auf der Suche nach einer künftigen Sozialgestalt der Kirche in den Blick kommen (II.), um schliesslich nach den notwendigen Schritten vom Nebeneinander zu einer Kultur des Miteinanders von Pfarreien und Bewegungen zu fragen (III). <3>

I. Der Wandel der Pfarrei durch das individuelle Teilnahmeverhalten ihrer Mitglieder

Ein lebendiges Pfarreileben ist etwas vom Schönsten, Vielfältigsten und Beeindruckendsten, was es an Gemeinschaftserfahrung im christlichen Glauben gibt. Wo so viele verschiedene Menschen in einer unendlichen Fülle von Lebenssituationen und Lebensentwürfen im Glauben eine konkrete, feiernde und solidarische Gemeinschaft bilden, da sind nicht Menschen allein am Werk, da ist auch das schöpferische und einende Wirken des Heiligen Geistes spürbar. Konkret erfahrbar ist diese geistgewirkte Communio etwa in einem schön gestalteten Sonntagsgottesdienst mit ansprechender Predigt, oder in einem Kinderlager, wo das Zusammenleben aus dem Glauben angeleitet, geübt und gefeiert wird bis hin zum Krankenbesuch, der einem kranken oder sterbenden Menschen und seinen Angehörigen aus dem Glauben tiefen Trost spendet.

1. Der Ruf nach Strukturreform in der Kirche

Im Strudel des gesellschaftlichen und religiösen Wandels besteht heute offensichtlich Bedarf, nachzudenken über die Identität der Pfarrei. Das zeigt die Tatsache, dass landauf und landab viel (vielleicht mehr als gut ist) von den nötigen Strukturreformen in der Kirche gesprochen wird. Es herrsche in ihr eine Düsenverstopfung, sagt Hans Küng (und zitiert Herrn Plankenstein vom Kirchenvolksbegehren), weil zwar Wasser da ist, aber nicht fliessen kann (Zölibat, Mitsprache bei Bischofsernennungen, Rolle der Frau usw.). Die Kirche zeige sich daher wie ein «blockierter Riese» <4> (Manfred Lütz); durch die Fülle des angestauten Reformbedarfs sei die Kirche wie durch Trance gelähmt und stehe gefesselt in der Landschaft der modernen Gesellschaft.
 Es ist eine Tatsache: die enormen gesellschaftlichen Entwicklungen (der Individualisierung und Pluralisierung) machen vor der Kirchentüre nicht Halt, und die Kirche kann sich ihr auf kurz oder lang nicht entziehen. Durch das Verhalten der Kirchenglieder nämlich werden die Pfarreien unausweichlich mit den soziokulturellen Entwicklungsschüben konfrontiert, besonders in ihren Stammzellen wie Familie, Vereine und Gottesdienstgemeinde (partielle Identifikation, pragmatisierte Kirchenzugehörigkeit). Darin bestätigt sich, dass die Kirche keine «Insel der Seligen» ist, die sich einfach aus den stürmischen Zeiten grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen heraushalten kann. Es bleibt die unausweichliche Aufgabe, den Wandel klug und in Treue zum Ursprung zu gestalten.

2. Das Beispiel des individuellen Teilnahmeverhaltens

Ich möchte diese Kontextbezogenheit der Kirche veranschaulichen am Beispiel des veränderten Teilnahmeverhaltens der Kirchenglieder im Leben der Pfarrei. Während es Anfang der 60er vielerorts noch Normalfall war, dass man von der Wiege bis zur Bahre regelmässig und verpflichtend am Leben der Pfarrei teilgenommen hat (parallel zum Motto: einmal im Kegelclub, immer im Kegelclub), ist dies heute der Ausnahmefall geworden. Die Gründe dafür sind vielfältig: Das Konsumverhalten in der Marktgesellschaft verlängert sich in die Kirche, die als religiöser Sinnanbieter wahrgenommen wird (man nimmt sich, was man braucht); die Erlebnisorientierung der Gesellschaft erwartet Unterhaltungswert bei den Veranstaltungen der Pfarrei (es soll etwas geboten werden), das steigende Dienstleistungsangebot weckt die Erwartung, dass die Hauptamtlichen gerade dann da sind, wenn sie gebraucht werden; der demokratische Rechtsstaat weckt das Bedürfnis nach Mitsprache (ich bestimme mit, was geschieht und was geboten wird). Durch diesen Erwartungsdruck gerät das Verständnis der Kirche als Glaubensgemeinschaft, als pilgerndes Gottesvolk, wie es das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt (LG 9­17), ins Wanken. Der Einzelne definiert die Intensität und Regelmässigkeit seiner Teilnahme nach individuellen Vorlieben. Der Slogan lautet: «Gott oder eine göttliche Kraft Ðjað, Pfarrei oder Gemeinschaft Ðlieber nichtð!»

3. Die Segmentierung der Pfarrei als neue Herausforderung

Aufgrund dieser Entwicklung sehen sich die Seelsorger und Seelsorgerinnen einer vierfachen Segmentierung ihrer Pfarreien gegenüber: <5> Da sind erstens die 20­25% aktiven Kirchenmitglieder, die das kirchliche Leben in den Pfarreien durch ihre Teilnahme, ihr ehrenamtliches Engagement in Liturgie, Katechese, Pfarreigruppen und Vereinen mittragen (gemeindeorientierter Sektor). Ihnen stehen zweitens die 75­80% passiven Mitglieder gegenüber, die bei bestimmten Gelegenheiten wie Lebenswenden (Taufe, Hochzeit, Beerdigung) oder bei traditionellen Festen wie Weihnachten, Ostern, Kirchweihe usw. auf die Kirche als Religionsdienerin zurückgreifen (diffuse Christlichkeit). Man könnte sie die «treuen Kirchenfernen» (M. Kehl) nennen. Ein dritter Sektor umfasst alle, die durch einen Arbeitsvertrag an die Kirche gebunden und so von ihr abhängig sind (formale Organisation). Es bleibt der aufs Ganze gesehen kleine (2­3%) Bewegungssektor, der sich aus den neuen geistlichen und sozialen Bewegungen innerhalb der katholischen Kirche zusammensetzt.
 Während nun die Bewegungen aus der Sicht der Pfarrei quasi als «quantité négligeable» erscheinen, treten zwei Gruppen besonders in den Blick: Es sind die aktiven Gemeindechristen, die das Rückgrat der Pfarrei bilden und ohne die Seelsorger und Seelsorgerinnen keine Arme und Beine hätte (nota bene: Angehörige von Bewegungen zählen sich oft auch zu dieser Gruppe). Zweitens gilt das Interesse den «treuen Kirchenfernen», die als getaufte Steuerzahler mit der Kirche lose und punktuell in Kontakt treten und mit denen man es sich nicht verderben will. Auch mir scheint diese Gruppe wichtig und wertvoll. Wir dürfen sie nicht vernachlässigen, wenn wir nicht auf eine reine Entscheidungskirche hinwirken wollen, wo diese zweifelnden, distanzierten und kritischen Menschen keinen Platz mehr finden. Gerade an ihnen muss die Seelsorge ihre diakonische Grösse erweisen und darf mit gelassener Absichtslosigkeit ruhig selber ein wenig «pastoraler Dienstleistungsbetrieb» sein. Andererseits ist dies auf Dauer nur möglich, wenn die tragenden und den Weg der Glaubensgemeinschaft mitgehenden Christen genügend gestärkt und genährt sind. Daher gehört ihnen die grösste Aufmerksamkeit.
 Was ergibt sich daraus als Aufgabe für die künftige Pfarreiarbeit? Erstens braucht es künftig vermehrt eine Stärkung und Vertiefung des Glaubens für die aktiven Gemeindechristen und zweitens braucht es neue Formen im pastoralen Umgang mit den Kirchenfernen. Hier ist genau der Punkt, wo die Bewegungen eine spezielle Bedeutung für die Pfarrei erhalten, weil sie erstens die suchenden Menschen binden können und zweitens den tragenden eine vertiefte Spiritualität bereithalten. Das wachsende Missverhältnis zwischen diesen beiden Gruppen ist nämlich der neuralgische Punkt für die Zukunft, weil ein Übergewicht an «Mitläufern» gegenüber den «Tragenden» (80:20%) die zentrale Identität der Pfarrei als Glaubensgemeinschaft in Frage stellt und zu einem geistlichen Erschöpfungszustand führt. <6> Wie gelingt es also, dass bestimmte religiöse, pädagogische und soziale Dienstleistungen erfüllt werden ohne dabei durch anpasserische Anknüpfung an das gesellschaftliche Umfeld die eigene Mitte zu verlieren? Und wie ist es andererseits möglich, den Aufbau einer lebendige Gemeinschaft zu fördern, ohne sich durch kontrastierende Abgrenzung der Kultur der Moderne entgegenzustellen?
 Eine dreifache Antwortrichtung auf diese Herausforderung der Kirche und ihrer Pfarreien geben die geistlichen Bewegungen. Sie haben Potential, die Mitte, den Rand sowie die Aussenstehenden der Pfarrei zu beleben, nämlich erstens durch die Bewahrung des spirituellen Geschmacks am Glauben, zweitens durch die Betonung der kirchlichen Eigenkultur und drittens durch die Kraft, suchende Menschen zu binden.

II. Die geistlichen Bewegungen als heilsames Korrektiv für den allgemeinen Trend in den Grosskirchen

Wenn ich mich den geistlichen Gemeinschaften zuwende, dann im Bewusstsein, dass jede eine eigene, spezifische Sendung und Berufung hat. Ihre gemeinsame Sendung könnte man aber auf eine Kurzformel bringen: <7> Die geistlichen Bewegungen sind ein vom Heiligen Geist geschenktes heilsames Korrektiv, ein «Stachel im Fleisch» für den «Mainstream», also für den Hauptstrom und Haupttrend der grossen Kirchen hierzulande. Geistliche Bewegungen sind so etwas wie die Speerspitzen der geistlichen Erneuerung. Sie sind nicht so sehr die Vorkämpfer der Strukturreform, aber sie sind deswegen nicht, wie Skeptiker denken, das Auffangbecken für Traditionalisten und ewig Gestrige. Sie sorgen dafür, dass der spirituelle Geschmack am Glauben bewahrt wird.

1. Den spirituellen Geschmack am Glauben bewahren

Die geistlichen Bewegungen sind bewusst auf der Suche nach dem «inneren Verspüren und Verkosten» des Evangeliums (Ignatius von Loyola). Durch die zentrale Rolle, die der gemeinsam gelebte, ganzheitliche, mit Leib und Seele erfahrene Glaube bei ihnen spielt, bilden sie eine lebendige und willkommene Abwechslung zum schwerfälligen Pfarreiapparat. Das Gefühls- und Erlebnismässige scheint dabei gelegentlich zu hoch veranschlagt zu sein gegenüber dem rationalen Element des Glaubens, das etwas in den Hintergrund tritt. Aber im Kern geht es doch um das Wichtigste des Glaubens: um das Berührtwerden der existenziellen Mitte des Menschen in seiner Beziehung zu Gott und in seiner Liebe zum Nächsten, dass also unser Herz vor Gott zu klingen beginnt.
 Die Erfahrung dieses Berührtwerdens, so dass der Funke der Freude am Glauben auch auf andere überspringt, ist in unserem heutigen Kirchenalltag relativ selten geworden, gerade bei jungen Leuten. Das macht die Pastoral oft so mühsam und freudlos. Hier können die geistlichen Gemeinschaften ein Hoffnung weckendes Zeichen gerade auch für die Pfarreien sein, dass der geistliche Geschmack am Glauben erhalten bleiben kann, auch wenn die anstehenden Strukturfragen oft ratlos und hilflos machen.
 Ähnliche Versuche der Verlebendigung des Glaubens gibt es ebenso in den Pfarreien etwa durch Bibelgruppen, Gebetskreise, Familienkreise, Jugendgruppen oder das Erwachsenenkatechumenat. Auch da wird versucht, Glauben und Leben in Einheit zu erleben und Orte des Austausches zu errichten. Orte also, wo biographienahe Glaubenserfahrung möglich wird. Hier sehe ich eine grosse Chance der Zusammenarbeit zwischen Pfarreien und Bewegungen. Die Pfarreien verfügen über eine geeignete Infrastruktur, die von den Bewegungen mit neuen Impulsen belebt werden kann.

2. Der Mut für eine klar erkennbare kirchliche Eigenkultur

Die geistlichen Bewegungen haben eine besondere (nicht exklusive) Sendung für unsere Kirche heute: Sie verstehen es, weithin eine eindeutige und christliche erkennbare und auch unterscheidbare kirchliche Eigenkultur zu entwickeln, ohne sie als Gegenkultur der Moderne zu verkünden. Was ist gemeint? Ihre familienähnliche Struktur, ihre pädagogischen Methoden, ihre gestuften Zugehörigkeitsformen, der partizipative Führungsstil ist in vielem sehr verträglich mit der heutigen Lebenskultur. Ihr Innenleben schöpft unverkürzt und selbstbewusst aus dem reichen Reservoir der Tradition an Symbolen, an Liturgie, an Erzählungen, geistlichen Erfahrungen, an Gesängen, an Bekenntnisformeln und an diakonischen Initiativen usw. Sie bietet daraus eine umfassende, sinnstiftende Lebens- und Weltdeutung aus der Mitte des christlichen Glaubens an.
 Auf diese Weise wird gerade durch die geistlichen Bewegungen die Kirche für viele unserer Zeitgenossen zu einer Art «Wahlheimat» (A. Wollbold), also eine kirchliche Heimat, die ihnen nicht einfach nur geographisch oder biographisch vorgegeben ist, sondern die sie frei gewählt haben und an der sie mitbauen, so dass sie für sie selbst und andere ein bergendes Haus im Glauben werden kann.
 Gerade für die Menschen in den Pfarreien, die mehr suchen oder die sich sehr engagieren, ist es wichtig, Quellen des geistlichen Lebens zu eröffnen und fliessen zu lassen, sonst geht ihnen die Luft aus. So gibt es in den Gemeinden und in den geistlichen Bewegungen jeweils zukunftsträchtige Entwicklungen, die es bewusst aufzugreifen und zu begleiten gilt. Je mehr diese vielfältigen «Oasen» des gemeinsamen Glaubenslebens, diese «kommunikativen Glaubensmilieus» (M. Kehl) in die Pfarrgemeinden integriert werden können, umso höher stehen die Chancen, dass solche Gemeinden spirituell und kommunikativ nicht austrocknen, sondern einen kleinen Gegenakzent zum allgemeinen Trend setzen können. Die Gemeinden können sich vor dem Absinken in die Oberflächlichkeit von «religiösen Erlebnisräumen» schützen, indem sie solche kleinen Zellen lebendigen Glaubens in ihrer Mitte fördern.

3. Die missionarische Kraft, suchende Menschen zu binden

Die Bedeutung der Neuaufbrüche in den Pfarrgemeinden und den geistlichen Gemeinschaften können sich heute besonders segensreich auswirken, wo es um die Vermittlung des Glaubens für die jüngeren und suchenden Menschen geht. Auf neuen Wegen können sie überhaupt erst ihre christliche und kirchliche Berufung entdecken. Die Kirche gewinnt durch sie eine unerwartete Glaubwürdigkeit und Anziehungskraft, die zur «geistlichen Entdeckungsfahrt» (M. Kehl) innerhalb einer Gemeinschaft einlädt.
 Man könnte also sagen, dass die Bewegungen, wo sie sich nicht in ihre eigene religiöse Nischenkultur zurückziehen, die missionarische Kraft der Kirche in unseren Breiten verkörpern. Sie tun dies in der doppelten Richtung einer Mission mit Tiefenwirkung (durch die Erneuerung der geistlichen Quellen) und einer Mission der Breitenwirkung (durch die Eröffnung neuer Zugänge zum Glauben). Hier liegt meines Erachtens ein zentraler Auftrag für Priester und Hauptamtliche in der Kirche, wenn sie sich wirklich als Seelsorger und Seelsorgerinnen verstehen. Es wird mit Recht von ihnen erwartet, dass sie diese missionarische Dynamik der Neuaufbrüche ernst nehmen und fördern.
 Auf diese Weise bieten die phantasievollen Aufbrüche in den Bewegungen und in den Pfarreien eine gute Möglichkeit, das «Geschenk des Neuanfangs» im Glauben zu erleben und in überraschender Weise die Breite und Länge, die Tiefe und Höhe des Lebens aus dem Geheimnis des Glaubens zu entdecken (vgl. Eph 3,18). Hier liegt die Chance der Kirche, aus den Kirchenfernen immer wieder überzeugte und aktive Christen zu gewinnen. Wir sollten nicht vergessen: Selbst die erbittertsten Gegner der Kirche können schon morgen ihre tragenden Säulen sein.

III. Auf dem Weg zu einer Kultur des Miteinanders von Pfarreien und Bewegungen

Es ist also auffällig, dass aus dem Sektor der «Kirchenfernen» sich zahlreiche Menschen zu den Bewegungen hingezogen fühlen. Sie erfahren hier eine überraschende Menschlichkeit und Unmittelbarkeit. Dagegen tun sich gerade viele Engagierte und Hauptamtliche in den Pfarreien, Verbänden und Orden sehr schwer mit den neuen geistlichen Gemeinschaften. Warum ist das so?

1. Die Kinderkrankheiten und der Neid der Besitzlosen

Sicher schreckt das enthusiastische Auftreten einiger Gemeinschaften den nüchternen «Normalverbraucher» ab. Man ist sich halt nicht gewohnt an das öffentliche Missionieren, öffentliches Schuldbekenntnis, aussergewöhnliche religiöse Erfahrungen wie Heilungen und Ekstasen oder das spontane, lange Beten und Singen. Schlechte Erfahrungen mit übereifrigen Gruppierungen, die zu Spaltungen in den Pfarreien führen, spielen da sicher eine Rolle. Dazu stösst manche theologische und gesellschaftspolitische Rechtslastigkeit einiger Bewegungen ab, und viele sehen die Gefahr der religiösen Nischenkultur, des Übereifers, der Exklusivität ihres Weges in der gelebten Nachfolge, des Übergewichtes der Universalkirche vor der Ortskirche, der Distanz zur Pfarrei und der mangelnden gesellschaftskritischen, öffentlichen Präsenz. Christoph Kardinal Schönborn stellt diese Schwächen in das Licht des noch unausgegorenen Aufbruchs und spricht von den «Kinderkrankheiten» der Bewegungen. Er fügt hinzu: «Es ist durchaus legitim und notwendig, die Gefahren, die in den neuen geistlichen Bewegungen gegeben sind, zu benennen und ihnen bewusst zu begegnen.» <8>
 Trotz diesen Schwächen und Grenzen bleibt die Frage, ob eine oft so massive Ablehnung nicht auch damit zu tun hat, dass diese Gruppen einfach durch ihr Dasein eine gewohnheitsmässige und relativ oberflächlich ablaufende Glaubenspraxis in Frage stellt. Man spürt, dass hier authentischere Wege des gemeinsamen Glaubens gesucht werden, ist aber nicht bereit, sich auf sie einzulassen und sein Leben so grundsätzlich vom Glauben, vom gemeinsamen Glauben bestimmen zu lassen. Ein Grund für das Misstrauen der Pfarreiverantwortlichen mag der Neid der Besitzlosen sein. Er gründet darin, dass ihnen abhanden gekommen ist, was die neuen Gemeinschaften und kirchlichen Bewegungen mit einer Selbstverständlichkeit leben.
 Hier bedarf es der sensiblen Geduld und Gelassenheit von allen Seiten, um zerstörerische Polarisierungen zu vermeiden, aber dennoch nicht die gegenseitige Herausforderung und Bereicherung zu verhindern. Und es bedarf des heiligen Respektes vor der religiösen Empfindung und Praxis des anderen, den wir nicht nur im Umgang mit anderen Religionen benötigen, sondern gerade auch innerhalb unserer zunehmend pluralen katholischen Kirche. Es darf nicht sein, dass ein «bewegter Mensch» als fromme Seele belächelt wird oder in Sektenverdacht gerät, weil er eine für ihn authentische, von der Masse der Durchschnittschristen abweichende religiöse Praxis wählt. Andererseits müssen auch Mitglieder der Bewegungen den Respekt vor den ganz gewöhnlichen Gemeindechristen bewahren ohne sie der Lauheit zu verdächtigen. Es gibt ja auch Pfarreimitglieder, die alltäglich ihre christliche Nachfolge überzeugend leben und selbstverständlich das Gebotene tun.

2. Strukturelle und spirituelle Erneuerung nicht gegeneinander ausspielen

Gelegentlich ist auch folgende Kritik an den Bewegungen zu hören: Die Gemeinden rufen nach Strukturveränderungen, die Bewegungen bringen geistliche Erneuerung. Es wäre zu schlicht, das Spirituelle in der Kirche gegen das Strukturelle auszuspielen. Zweifellos brauchen existenzgefährdende Probleme der Kirche eine Lösung, um ihr Überleben bei uns zu sichern (Regionalisierung der Seelsorge durch den Aufbau grösserer Seelsorgeeinheiten, profilierte Pfarreien, Citypastoral, Diskussion um die Zulassungsbedingung zum priesterlichen Amt usw.). Sie sind nicht der ungestörten Pflege des Spirituellen willen zu verdrängen. Eine gesichtslose Spiritualität hat meist keinen langen Atem und kann der sehr menschlichen, irdischen Kirche auf Dauer keinen grossen Dienst erweisen. Aber umgekehrt gilt auch, dass bei all den vielen strukturellen Überlegungen und Veränderungsvorschlägen eine grosse Gefahr besteht. Wir fixieren uns in den Pfarreien doch häufig darauf, diesen an den wirklichen Herausforderungen unserer Gesellschaft gemessenen «kleinen Sorgen» einen zu grossen Raum in unserem Denken und Handeln einzuräumen. Von den klug ausgedachten und angestrebten Lösungen wird insgeheim zu viel an heilender und erneuernder Kraft erwartet. Viele sind deswegen auch leicht enttäuscht, weil das Erwartete nicht oder nicht sofort eintrifft.
 Es hat keinen Sinn, diese beiden Gestalten der Glaubensgemeinschaft gegeneinander auszuspielen. Denn auch das geistliche Leben bedarf der Institution, ohne die es amorph wird, unstrukturiert, gestaltlos und sich zu erschöpfen und leer zu werden droht.

3. Schritte auf dem Weg zu einer Kultur des Miteinanders

Eine Kultur des Miteinanders erwächst meiner Meinung nach aus der gemeinsamen Beschäftigung mit der Zukunft der Kirche. Daraus entsteht eine Bereitschaft, die Kirche im Wandel zu verstehen und ihr gemeinsam ein neues, buntes Pilgerkleid zu entwerfen. Die verschiedenen Antwortversuche innerhalb der einen Kirche sind einerseits je spezifisch und sehen sich andererseits gemeinsamen Aufgaben gegenüber. Dabei gilt es, Angst und Hemmung vor dem anderen zu verlieren, aufeinander zuzugehen und zu erkennen, dass es nicht stimmt, dass die einen vorwärts und die anderen rückwärts gerichtet sind.
 Eine Kultur des Miteinanders beinhaltet auch, dass gestritten wird: das meint Kommunikation und Konfrontation zum Abbau von Vorurteilen und zur Schaffung von mehr Transparenz. Auseinandersetzungen gab es in der jungen Kirche genug. Die Apostelgeschichte und die paulinischen Briefe erzählen uns von den Richtungsstreitigkeiten unter den Aposteln und in den Gemeinden. Nur so gelangt man von der Vordergründigkeit zur Hinter- und Tiefgründigkeit.
 Was die Pfarreien in dieser Auseinandersetzung lernen müssen: Die Neuaufbrüche sind eine Selbstverständlichkeit geworden. Es ist damit zu rechnen, dass ihre Seelsorger zunehmend den Bewegungen angehören und ihr Seelsorgestil davon geprägt ist (Priesterberufungen geschehen oft im Umkreis der Bewegungen). Pfarreien müssen sich auch damit auseinandersetzen, dass aktive Laien zwar am Leben der Pfarrei teilnehmen, aber zudem noch ausserhalb der Pfarrei Kontakt zu einer Bewegung pflegen.
 Die Bewegungen müssen lernen: Sie sind der Kritik ausgesetzt, wenn ihre Ziele und Aktivitäten zu wenig transparent erscheinen und ihre Gruppierungen zu Exklusivität neigen. Ebenso müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass die Pfarrei ein breites Spektrum von Gläubigen umfasst und dass es ein wesentlicher Auftrag des Dienstamtes ist, die Einheit der Glaubensgemeinschaft zu wahren. Pflicht der Bewegungen ist es deshalb, zugleich sendungsbewusst wie auch selbstkritisch ihre seelsorgerliche Methode und ihre geistlichen Akzente der Pfarrei anzubieten, um jeden Einzelnen in seiner Berufung zu bestärken. Dazu muss man das Leben der Pfarrei und auch die besonderen Anliegen der jeweiligen Verantwortlichen kennen und respektieren. Nur so wird eine dringend notwendige Beheimatung in der Ortskirche möglich sein.
 Eine der wirksamsten Möglichkeiten zur Gewöhnung aneinander scheint mir die Begegnung von künftigen Pfarreiseelsorger und -seelsorgerinnen und Bewegungsmitgliedern schon in der Zeit des Studiums. Ein Sprichwort sagt «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr». Damit meine ich, dass die Offenheit der Diözesanseelsorger und -seelsorgerinnen für die Bewegungen auch eine zwischenmenschliche Dimension hat. Worüber ich etwas weiss und was ich persönlich kennen gelernt habe, damit werde ich behutsam umgehen. Das interdiözesane Konvikt Salesianum in Freiburg könnte ein Ort sein, wo Theologiestudenten und andere Studierende im Zusammenleben voneinander lernen können. Ich biete offene Türen an, damit die Beziehungen von Studierenden der Ortskirche und der Bewegungen wachsen können und in Zukunft eine Kultur des Miteinanders tragen.
 Als Ergebnis möchte ich festhalten: «Die Kirche in unserem Land braucht die territorial orientierten Pfarreien und die spirituell orientierten Bewegungen gleichermassen, um ihren Verkündigungs- und Gestaltungsauftrag zu erfüllen, und diese können und müssen voneinander lernen.» <9> Die Verschiedenartigkeit der Bewegungen entspricht der Verschiedenartigkeit der geistlichen Bedürfnisse unserer Zeit. Jede Bewegung bringt eine besondere Farbe des Lebens aus dem Evangelium zum Leuchten. Die Pfarrei hingegen ist der Ort, wo das ganze Farbenspektrum durch die Kunst der Seelsorge zum Leuchten zu bringen ist in einem vielfältigen Regenbogen des Glaubens. Dass dieser Glaube leuchtet und seine Kraft in unserer Gesellschaft wirksam wird, dazu mögen sich Pfarreien und Bewegungen befähigen und stärken.

Thomas Ruckstuhl ist Regens des interdiözesanen Konvikts Salesianum in Freiburg; er kann demnächst an der Philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt seine bei Medard Kehl erarbeitete Dissertation einreichen.

Anmerkungen

1 Zitiert nach H. Heinz, in: HK 53 (1999) 626.

2 Vgl. W. Bächler, in: SKZ 40/2000, 592.

3 Neuere Titel aus der Fülle der Literatur: K. Gabriel, Christentum zwischen Tradition und Postmoderne, Freiburg i. Br. 51996; M. Hochschild, Auf dem Weg zu einer Typologie der neuen geistlichen Bewegungen, in: Regnum 33/1 (1999) 22­33; Ders., Auf der Schwelle in die Zukunft. Den Wandel der Kirche verstehen und mitgestalten, Stuttgart 2001; F.-X. Kaufmann, Wie überlebt das Christentum?, Freiburg i.Br. 2000; M. Kehl, Wohin geht die Kirche? Eine Zeitdiagnose, Freiburg i.Br. 1996; Ders., Kirche als «Dienstleistungsorganisation»? Theologische Überlegungen, in: StZ (2000) 389­400; J. Müller, Neue geistliche Gemeinschaften. Vielfalt in der katholischen Kirche, Freiburg i.Ü. 1998; K. Nientiedt, Grenzen der Vielfalt. Geistliche Bewegungen in der Kritik, in: HK 1996, 133­138; Neue Gruppierungen im Schweizer Katholizismus: Ein Handbuch. Hrsg. von Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut (SPI)/Schweizerische Katholische Arbeitsgruppe «Neue Religiöse Bewegungen» (NRB), Zürich 2000; J. Ratzinger, Kirchliche Bewegungen und ihr theologischer Ort, in: Communio 28 (1998) 431­448; P. Wolf (Hrsg.), Lebensaufbrüche. Geistliche Bewegungen in Deutschland, Vallendar 2000; A. Wollbold, Kirche als Wahlheimat, Beitrag zu einer Antwort auf die Zeichen der Zeit, Würzburg 1998; Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Miteinander auf dem Weg. Einladung zum Dialog zwischen Gemeinden, Verbänden und geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen, (Berichte und Dokumente, Heft 99), Bonn 1995; C. Ambruster, Von der Krise zur Chance. Wege einer erfolgreichen Gemeindepastoral, Freiburg i.Br. 1999; F.-P. Tebartz-van Elst, Gemeinden werden sich verändern. Mobilität als pastorale Herausforderung, Würzburg 2001.

4 M. Lütz, Der blockierte Riese. Psycho-Analyse der katholischen Kirche, Augsburg 1999.

5 Vgl. K. Gabriel, Christentum zwischen Tradition und Postmoderne, Freiburg i.Br. 51996, 177­192.

6 Vgl. M. Kehl, Wohin geht die Kirche? Freiburg i.Br. 1996, 45f.

7 M. Kehl, Bedeutung der geistlichen Bewegungen, Vortrag am 19. März 2000 in Hockenheim am «Fest der Bewegungen».

8 Ch. Schönborn, Neue geistliche Bewegungen: Chancen und Gefahren, in: Die Menschen, die Kirche, das Land. Christentum als gesellschaftliche Herausforderung, Wien 1998, 25­32; hier 30.

9 Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Miteinander auf dem Weg. Einladung zum Dialog zwischen Gemeinden, Verbänden und geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen, Berichte und Dokumente (Heft 99), 1995, 5.

Autor: Thomas Ruckstuhl
 Quelle: Schweizerische Kirchenzeitung, 19/2002